Imker Thomas Radetzki

„Wo Milch und Honig fließen“

Interview mit Thomas Radetzki

Thomas Radetzki interessiert sich bereits seit seiner Schulzeit für Bienen. Nach einer Lehre als konventioneller Imker sah er all die Probleme, die auftreten, wenn wir Bienen nur ausnutzen wollen. Als Reaktion gründete er vor etwa 30 Jahren den Verein Mellifera, der den bio-dynamischen Impuls in die Imkerei einführte und seitdem die „wesensgemäße Bienenhaltung“ verbreitet. Vor kurzem hat er zusätzlich die Aurelia-Stiftung in Berlin ins Leben gerufen, die sich als zivilgesellschaftlicher Anwalt und öffentliche Stimme der Bienen versteht.


Herr Radetzki, Ich hatte große Angst vor Spinnen als Kind, bis mir mein Vater erzählte, das all die Netze permanent Schadstoffe aus der Luft filtern. Aus Angst wurde so Bewunderung. Was sind die großen Wunder der Bienen?

Die Biene ist eigentlich das größte Tier der Welt. Es dehnt sich kilometerweit in die Landschaft aus, denn bei Bienen ist eigentlich der ganze Schwarm wie ein einzelnes Tier anzusehen. Dann lebt im Bienenvolk ein besonderer Atemrhythmus: Es zieht sich über Nacht und über den Winter zusammen, auf einen ganz kleinen Ort. Wenn die Sonne aufsteigt und es warm wird, breitet es sich in der Landschaft über mehrere Kilometer in jede Richtung aus und verbindet durch seinen Ton alle Reiche der Natur. Gleichzeitig sind die Bienen alle unentwegt in Verbindung mit ihrem Stock. Was Bienen so in die Landschaft an seelischer Qualität hineinweben – abgesehen von ihrer Nützlichkeit – ist für mich das Größte.

Ein weiteres Wunder ist das Wabenwerk. Bienen schwitzen das Wachs aus, das ist ihre Körpersubstanz. Durch Drüsen am Hinterleib scheiden sie Wachsschüppchen aus, die glasklar sind wie Bergkristall. Diese zerkauen sie, bis sie schneeweiß sind. So entstehen die Jungfernwaben. Die sind so zart, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie später mehrere Kilo Honig tragen. All das geschieht im Frühjahr. Wenn die Nektartracht ruft, werden die Völker schneeweiß und das Wabenwerk fängt an, von oben herunterzuwachsen ... einer der schönsten Momente!

Und natürlich der Schwarm-Akt! Wenn sich ein Volk trennt, weil es zwei Königinnen gibt, schwingt es sich als große Schwarmwolke auf, um sich dann als Schwarmtraube z. B. in einem Baum zu sammeln. Da findet eigentlich ein Sterben des Alten statt und das Ausziehen ins Neue. Rudolf Steiner vergleicht diesen Vorgang mit einem sterbenden Menschen, der seinen Leib hinter sich lässt und als geistig-seelisches Wesen auszieht. Dann folgt die Inkarnation an einem neuen Ort. Diesen andächtigen Vorgang raubt sich der konventionelle Imker, indem er die natürliche Vermehrung des Bienenvolkes unterdrückt.

Warum teilt sich ein Volk überhaupt?

Das Volk ist auf dem Höhepunkt seiner Vitalität angelangt und der natürliche Prozess ist der Schwarm-Akt. Wachstum geht nicht ewig weiter und daher folgt der Reproduktionsprozess. Für konventionelle Imker scheint das unwirtschaftlich – es kostet Zeit und führt zur Ertragsminderung. Darum versucht er, diesen lebendigen Prozess zu ersetzen durch eine perfekt organisierte Königinnenproduktion.

Bevor wir zu solchen grundlegenden Problemen kommen – ein weiteres Wunder sind doch die Tänze, nicht wahr?

Ja, die Entdeckung der Tanzkommunikation war eine großartige Leistung von Karl Ritter von Frisch, der 1973 zusammen mit dem bekannten Tierforscher Konrad Lorenz den Nobelpreis dafür bekam. Die Biene ist eben in der Lage den genauen Winkel zwischen Sonne, Erde und der Stelle wo es den Nektar zu finden gibt, in die Raumverhältnis des Bienenstockes zu transponieren. Die Wabe ist ja senkrecht ganz auf den Erdmittelpunkt orientiert und auf dieser Fläche wird dann der Winkel zur Schwerkraft durch die Schwänzelphase aufgespannt. Die Fähigkeit, solche geometrischen Elemente zu erfassen und dann auch noch zu transponieren – also nicht die Sonne, sondern die Schwerkraft als Bezugspunkt zu nehmen – das ist eine bewundernswerte Fähigkeit.
Der eine Bezugspunkt – die Sonne – finden sie draußen im Licht und den anderen – die Wabe – drinnen in der Dunkelheit. Denn man vergisst immer, dass die Bienen ja nichts sehen während sie tanzen. Das Wort ‹stockdunkel› kommt vom Bienenstock. Da drin ist es ja dunkel und alles funktioniert über Duft. Auch die eilegende Königin steckt ihren Kopf in die Zelle und tastet mit ihrem dreidimensionalen Riechen den Raum aus, damit sie weiß, wie tief es ist. Ich habe in der Ausbildung noch gelernt, dass Bienen nicht hören können, aber neue Forschungen zeigen, dass sie den Winkel eines Tanzes allein durch den Sound, der dabei entsteht, ablesen können. Die hören das und wissen dann in welche Richtung sie fliegen müssen.

Beschränkt sich die Tanzsprache auf Ernteangaben?

Nein, es gibt viele Variationen. Bei der indischen Honigbiene gibt es etwa Tänze die sagen: «Ich habe zu viele Milben am Körper, bitte putzt mich!»

Also wie Hilferufe?

Genau! Aber im Vordergrund steht natürlich der Austausch über Trachtquellen durch den klassischen Schwänzeltanz. Dann gibt es einen Sicheltanz, der würde den Eurythmistinnen gefallen, denn der ist besonders lemniskatisch. (lacht)

Was können wir als Gesellschaft von Bienen lernen?

Durch das Buch ‹Bienendemokratie› des amerikanischen Wissenschaftler Thomas Seeley gibt es da gerade großes Interesse. Der Titel ist natürlich etwas vereinfacht, weil Demokratie ein urteilsfähiges Individuum voraussetzt, was aus der Zukunft heraus handeln kann. Aber eine wichtige Aussage aus dem Buch ist: Im Bienenstock gibt es keinen Chef. Die Königin ist es jedenfalls nicht. Sie hat genauso wenig zu sagen, wie das Herz oder die Lunge in einem Körper. Es ist ja auch eine Illusion zu denken, dass unser Gehirn im Organismus alles steuert. Alle Organe bilden ein Beziehungsgefüge und gerade das ist das Wesen des Organismus. Das Gehirn ist nur der Ort an dem die Dinge bewusst werden – eine Kommunikationsebene, aber nicht die Steuerung.

Welche Rolle spielt die Königin dann?

Man muss sich davon befreien, anthromorphistische Einstellungen in die Natur hinaus zu tragen. Also zum Beispiel das königliche Bild des Regierens in den Bienenschwarm hinein zu projizieren.

Die Königin repräsentiert dreigliedrig betrachtet, den Stoffwechselpol – ist also ist viel mehr willenshaft aktiv, als strategisch entscheidend. Sie legt am Tag 1500 Eier, das ist mehr als ihr Körpergewicht. Solche Massen an hochwertigen Eiweißen zu Eiern umformen, kann sie nur, weil sie unentwegt von den Ammenbienen Milch gereicht bekommt. Sie lebt also tatsächlich in dem Land, wo Milch und Honig fließen! Die Drohnen sind dagegen der Nerven-Sinnespol. Die sogenannte Arbeiterbiene ist die Mitte, sie verbindet täglich Innen und Außen, sie holt die Stoffe, verinnerlicht und verwandelt sie. Sie macht das Wachs, den Honig und das Bienenbrot. Die Arbeiterin führt den ganzen Volksprozess nach einer Art Arbeitsgruppen-Prinzip. Beispielsweise braucht es eine bestimmte Grundwärme im Brutnest und eine große Anzahl von Bienen, kümmern sich nur darum. Welche Gruppe das übernimmt, wechselt durch, aber die Funktion steht. Also wir haben Organfunktionen anstelle von fix lokalisierten Organen, wie Herz oder Niere. Überall finden sich Verantwortungsgebiete mit weichen Übergängen – Bienen tauschen sich aus, wechseln sich ab.

Die Idee vom Unternehmen „ohne Chef“ finden wir auch für Waldorfshop spannend. Auf was gilt es zu achten?

Es ist gut zu verstehen, dass auch Unternehmen Organismen sind. Aber es ist wenig geholfen, wenn man da nur die Worte austauscht. Was ein Organismus ist, können wir bei Bienen schön lernen, weil der Organismus ausgebreitet vor uns liegt. Einen menschlichen Körper müsste man aufschneiden, bei den Bienen sind die Zellen des Körpers getrennte und sichtbare Entitäten.
Bienen sind Weltmeister im Hinausschauen in die Welt – vor allem hinaus in den Lichtraum. Ameisen sind ja auch staatenbildende Insekten, aber die leben in Feuchtigkeit und Erde. Die Biene lebt in Licht, Wärme und Luft. Diese nach außen orientierte Fähigkeit, die kehrt sich nach innen, wenn sie im Bienenstock landet. Dort lebt dieselbe intensive Zuwendung weiter – aber jetzt zu den anderen Schwestern. Dieser selbstlose Aspekt des sich Zuwendens – einmal ganz raus in die Landschaft, einmal ins soziale Miteinander – das zeichnet die Biene aus. Und davon können Menschengemeinschaften natürlich lernen! Im Bienenstock beziehen sich alle auf einander. Es gibt eben keine fixe Arbeitsteilung. Zwischen Putzbiene und Wächterbiene sind die Übergänge absolut weich. Angenommen 5000 Flugbienen sind durch Pestizide vergiftet worden, dann dauert das ein, zwei Tage und alles ist neu organisiert. Das geht soweit, dass alte Bienen wieder jugendliche Aufgaben ausführen. Also eine großartige Beweglichkeit der Rollen. Und wie findet jeder seine Aufgabe im Ganzen? Durch die klare Orientierung auf die gemeinsame Wirklichkeit und alle dazu nötigen Entwicklungsschritte.

Wie entscheiden Bienen?

Professor Seeley hat das vor allem am Schwarmverhalten erforscht. Wenn ein Schwarm auszieht, schwärmen nur etwa 300 Spurbienen aus. Etwa 15 000 Bienen warten und hängen als Schwarmtraube an einem Baum. Die Spurbienen sind in der Landschaft unterwegs und suchen Hohlräume. Wenn eine Spurbiene einen Hohlraum findet, erforscht sie diesen ausgiebig eine halbe oder dreiviertel Stunde lang und prüft ihn nach ausgefeilten Kriterien. Dann fliegt sie zum Stock zurück und tanzt. Allerdings ohne Aufdringlichkeit. Jede Spurbiene tanzt für einen Ort nur dreimal. Dann fliegen andere Spurbienen hin und bewerten den Ort ebenfalls. Wenn ihre Schwestern sagen, der ist gut, dann wird er bezogen, sagen sie der taugt nichts, dann verfällt die Werbung. Dadurch, dass an der Sondierung nur wenige hundert Bienen beteiligt sind, ergibt sich nach ein, zwei Tagen eine überschaubare Verdichtung. Am Ende steht ein Quorumsentscheid – also wenn zwei Drittel für einen Ort tanzen, ist es entschieden. Die anderen 15 000 richten sich also nach ein paar hundert Auserwählten. Daher ist der Begriff „Schwarmintelligenz“ im Sinne der Bienen auch mit Vorsicht zu genießen – Bienen verlassen sich auf diejenigen, die wirklich Bescheid wissen. Interessant ist, dass Professor Seeley sein Institut in den USA mit seinen Studierenden auch so organisiert. Also eine Gesprächskultur und Entscheidungsfindung, wie sie die Bienen im Schwarm vollziehen. Er berichtet ganz begeistert davon! Der springende Punkt ist nur, dass Bienen eben dieses festgelegte Ranking haben, nach denen sie einen Ort zum Beispiel bewerten, das ist bei ihnen genetisch verankert. Der Mensch ist eben in der Lage, Entscheidungen nicht nur aus der Vergangenheit sondern auch zukunftsbezogen zu treffen. Deshalb können bei menschlichen Gruppenprozessen so große Unterschiede auftauchen.

Was sind die größten Bedrohungen?

Vor allem Pestizide. Dahinter liegt aber unsere generelle Einstellung zur Landwirtschaft. Jede intensive, chemiegestützte Agrarproduktion raubt den Bienen ihren Lebensraum, ihr Habitat. Heute hat es in vielen Städten höhere Biodiversität als draußen auf den Feldern. Eine andere Bedrohung ist die Varroamilbe. Sie stammt aus Asien, wo sie mit der dortigen Biene in einem Parasitengleichgewicht lebt. Da die Varroa und die europäische Biene nicht aneinander angepasst sind, bringt sie den Wirt um. Obwohl weltweit an Varroatoleranz geforscht wird, gehen die meisten befallenen Völker daran zugrunde. Wenn ein Imker befallene Bienen nicht richtig betreut, verbreiten sich die Milben und auch das ist ein echter Faktor für das Bienensterben.

Also eine kleine Warnung an den Hobby-Imker?

Genau! Imkern bringt Verantwortung. Bei Meliferra haben wir über die Jahre eine natürliche Varroa-Behandlung mit Oxalsäure entwickelt, davon sollte man wissen. Aber die Bienen haben nicht nur Milben, die Blut saugen, Bienen haben auch Imker. Die saugen auch. Mit wieviel Druck arbeite ich? Wie viel Zucker füttert man? Wieviel Honig lässt man? Deswegen finde ich den Terminus ‹wesensgemäße Bienenhaltung› so gut. Er meint einmal die äußeren Demeterrichtlinen, aber auch die innere Haltung des Imkers. Wenn ich realisiere, dass es dieses große Bienenwesen gibt, dann will ich doch, dass es sich gut in seinen Leib inkarnieren kann und gesund lebt. Wenn ich dann Plastikwaben einsetze und ständig Zucker füttere, hat dieses Lebewesen keine Zukunft. Ich raube ihm seine Körperlichkeit. Jedes andere Tier hat eine geschützte Körperlichkeit. Bei der Biene greift der Imker da ein, indem er zum Beispiel das feste Knochengerüst – die Waben – durch Plastik ersetzt.

Wie können wir den Bienen konkret helfen?

Man schützt nur, was man liebt! Daher ist es wichtig, bei den Kindern anzufangen. Da sind die Bücher von Jakob Streit der beste Einstieg. Der Verein Mellifera fördert auch, dass Bienen an Schulen kommen, damit Kinder ein reales Erlebnis dieser faszinierenden Wesen haben. In der Oberstufe passen sie zum The- ma Naturschutz, denn Bienen sind ein Seismograph für all unsere Fehlentwicklungen. Pädagogisch kann man mit drei Beutesystemen arbeiten: In den Kindergarten gehört der Weissenseifener Hängekorb. Ein von dem Bildhauer Günter Manke entwickelter Hängekorb. Eine eiförmige Kugel aus Stroh und Lehm (die man zusammen mit Eltern und Kindern bauen kann) mit einer Umstülpung in den Außenraum. Das Kleinkind erlebt also das geschlossene Ganze, das sich konzentriert aber beim Flugeingang auch ausatmet. Später ist die Einraumbeute besser geeignet, weil ich dort eine eigene Wabe ziehen kann und mir alle Details im Kontext anschauen kann. Bei der Bienenkiste kann ich mit wenig Know-How relativ wenig Fehler machen – also eher etwas für die pragmatische Nutzung auf dem Stadtbalkon.
Mit der Aurelia-Stiftung fördern wir alle Art von sinnvollen Projekten und sind als Anwalt für die Bienen aktiv. Wenn es nötig ist auch mit juristischen Mitteln bis zum Europäischen Gerichtshof. Unser Motto ist „Es lebe die Biene!“

Wie kann ich beitragen ohne selbst zu Imkern?

Zum Beispiel deutschen Honig kaufen – denn wir können zwar Honig importieren, aber nicht Bestäubung. Generell gilt es, unser Kaufverhalten zu ändern: Bio-Honig ist gut, aber zwischen Öko-Richtlinien und Demeter liegt ein Riesensprung. Auch bei Lebensmitteln gilt es, Bio und Demeter vorzuziehen und die zivilisatorische Dummheit zu überwinden, mehr Geld für Autos und Urlaub auszugeben, als für Lebensmittel. Denn das bringt diesen Notstand, an dem die Kreatur so leidet. Und ein aktives Eintreten jedes Einzelnen für eine Agrarwende. Natürlich gerne auch an die Aurelia-Stiftung spenden. Allem voran steht natürlich das liebevolle Interesse für die Bienen – das ist essenziell.

Das Interview führte Jonas von der Gathen.

Weiterführende Informationen unter: www.aurelia-stiftung.de | www.mellifera.de


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