Interview mit Heide Mende-Kurz


Heide Mende-Kurz im Interview November 2016

Heide Mende-Kurz ist Sprachgestalterin und Autorin von fünf Sprachbilderbüchern. Sie veranstaltet Aufführungen, hält Vorträge im In- und Ausland, leitet Kurse und gibt sprachtherapeutische Behandlungen in ihrer Wortwerkstatt Casa Lingua in Beuren/Schwäbische Alb.
Die Fragen stellte Michaela Schmidt-Wegmann


Frau Mende-Kurz, ich habe kürzlich Ihr Buch „Sprache statt Schnuller“ mit Begeisterung gelesen. Warum ist es so wichtig, Kindern ein gutes sprachliches Vorbild zu sein und wie können wir unsere Kinder beim Sprechen lernen unterstützen?

Der Kinderreim ist für die Sprachentwicklung von Kleinkindern von großer Bedeutung und das Wesentliche ist das sprachliche Vorbild, d.h. dass die Eltern und Großeltern sehr gut artikulieren. Und das können sie an den alten Kinderreimen lernen. Die rhythmische Wiederholung der Vokale und Konsonanten ist nirgendwo besser gegeben als in den rhythmisch-poetischen alten Kinderreimen. Z.B. bei dem frühesten Kinderreim, den wir schon für ein wenige Wochen altes Baby sprechen können, das „Kinnewippchen, rotes Lippchen“, wo fast alle Vokale und Konsonanten enthalten sind. Die Kinder üben dann durch weiteres Zuhören und selber Sprechen die vielen anderen Kinderreime und damit eine gesunde Atem- und Sprechfähigkeit. Die hervorragende sprachphysiologische und rhythmische Kraft der Reime ist ein Übungsfeld für Lippen, Zunge, Zähne und Gaumen, denn hier wird die gesamte Mundmuskulatur angelegt. Sprechen, singen und richtige Kaubewegungen formen den kindlichen Kiefer harmonisch und können einer kiefernorthopädischen Behandlung unserer Kinder vorbeugen.

Wie alt sind die Kinderreime und woher stammen sie?

In allen Sprachen der Welt haben wir alte Kinderreime. Denn alle Völker wussten, dass die Kinderreime die Hebammen der Sprachentwicklung sind. Überall geht es darum, die Konsonanten und Vokale der jeweiligen Sprache über das Hören zu erlernen. Mit 2-3 Jahren können die Kinder die Reime selbst nachsprechen. Die Reime sind weises Volksgut, die mündlich überliefert wurden - einige stammen aus dem 12. Jahrhundert.

Heute werden viel weniger Reime und Gedichte gelernt als früher. Warum ist die poetische Sprache so wichtig?

In den alten Fibeln lernten die Kinder früher vom bekannten Laut in den Kinderreimen zum geschriebenen Buchstaben. Wurde z.B. die Buchstaben ck gelernt, ließ der Lehrer die Kinder den Reim „backe, backe, Kuchen“ sprechen. Den kannte jedes Kind. Das Kind kann so den gesprochenen, rhythmisch gehörten Laut „ck“ mit dem bewegt geschriebenen „ck“ in Einklang bringen.

Welches Buch mit welchem Reim ist für welches Alter und welche Gelegenheit geeignet?

„Sonne, Sonne, scheine“ ist das Buch ab dem Säuglingsalter. Diese Reime sind deshalb so wichtig, weil sie in unmittelbarer Nähe zwischen Mutter und Kind gesprochen werden.

Gretel Pastetel ist für Kinder zwischen 2-6 Jahren und beinhaltet Reime, die den erweiterten Lebensraum des Kindes ansprechen. Der Hof, das Einkaufen, das Kochen, das Essen und das Schlafengehen.

Im „Bucklig Männlein“ für Kinder von 3 bis 6 Jahren wird gezeigt, wie das Kind durch die Tätigkeit im Raum sein „Ich“ erweckt. Das Kind ergreift in diesem Alter den äußeren Raum von oben, unten, innen und außen. Z.B. Zwiebeln gießen – außen im Garten, Süpplein kochen – innen in der Küche, Holz holen – oben auf dem Boden, Weinlein zapfen – unten im Keller.

„Das Handwerkerbuch“ von 4-8 Jahren zeigt die Tatsache, dass Handwerksbewegungen immer mit Sprechrhtythmen begleitet werden (hier können Sie ein Video dazu sehen). Der Schreiner macht die Sägebewegung mit dem Rhythmus „Säge, säge, Holz entzwei“. Dies ist zugleich eine phantastische Übung für die Zungentätigkeit „s“ und „z“. Oder der Steinmetz für die Bildung der nasalen Laute wie ping und pang. Das Wesentliche beim Handwerkerbuch sind die einzelnen Tätigkeiten, die immer Gegenstände erzeugen. Der Töpfer macht die Schälchen, der Schneider näht die Säckchen.

Wann würden Sie einem Kind vorlesen?

Wenn Sie mich fragen, würde ich vor 3 Jahren nicht vorlesen, denn was das Kind aus dem Vorlesen herauszieht sind nur die rhythmischen Laute. Kindgerechte Gute-Nacht-Geschichten können niemals den Kinderreim „Abends wenn ich schlafen gehe“ ersetzen. Das Kind sehnt sich nach rhythmischen Lauten, es versteht die begrifflichen Inhalte noch nicht. Wird das Kind größer, ist das Vorlesen sehr wichtig. Je älter desto wichtiger.

Wie wird das Vorlesen zu etwas ganz Besonderem?

Richtiges Vorlesen ist eine Kunst, die darin besteht, langsam, ruhig und atemvoll zu lesen. Wenn wir uns also liebevoll den Lauten annehmen wollen, so heißt das nichts anderes, als einfach das Vorlesen zu üben! Machen wir uns beim Vorlesen bewusst: Wie spreche ich die Adjektive, wie die Substantive, wie die Verben? Atme ich bei jedem neuen Satz tief ein und mache die Atempausen bei den Kommas und gliedere dadurch die Ereignisse dem Wesen entsprechend? Wie erlebe ich Gegenwart, wie Vergangenheit? Wie behandele ich Naturbeschreibung und Gegenstände? Denn das Erlebnis, das in mir ein A, ein I, ein U oder O hervorruft, hat unmittelbaren Bezug zu meinem innersten seelischen Empfinden. Und Kinder sehnen sich förmlich danach, Laute zu hören, zu schmecken und sich in der rhythmischen Kraft geborgen und versorgt zu fühlen.

Das große Geheimnis der poetisch-rhythmischen Sprache sowie der gelesenen Sprache lässt immer ein wunderbares Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen, das kein anderes Medium zu gestalten vermag.


Vielen Dank an Frau Heide Mende-Kurz für dieses Gespräch!

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