Interview mit Prof. Dr. Rainer Patzlaff

Prof. Dr. Rainer Patzlaff im Interview
  • 1975-2002: Waldorflehrer für Deutsch und Geschichte in Stuttgart
  • 2001: Gründung des Instituts für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie (IPSUM) mit den Standorten Stuttgart, München, Kiel, Salzburg
  • 2010: Berufung zum Professor an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn, Aufbau des neuen Bachelor-Studiengangs „Kindheitspädagogik“ mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik.

Wir haben uns mit Herrn Prof. Dr. Patzlaff über die Bedeutung des gesunden Spiels unterhalten. Lesen Sie hier einen Auszug aus unserem Gespräch.

Das Interview führten Eva Maria Berg und Ivan Momsen, 2010


Herr Patzlaff, was ist eigentlich „gutes“ Spielzeug?

Gut ist ein Spielzeug, wenn es die Entwicklung eines Kindes unterstützt, statt sie zu behindern. Was aber in welcher Entwicklungsstufe förderlich und was behindernd ist — das zu beurteilen setzt ein ziemliches Wissen über die kindliche Entwicklung voraus. Die Forschung weiß heute, dass im freien Spiel das mit Abstand größte Entwicklungspotential eines Kindes steckt. Gelingt es, dieses Potential zu fördern, hat das Kind auf seelischer, leiblicher und geistiger Ebene einen reichen Schatz für sein späteres Leben gewonnen.

Man kann das Potential aber auch verkümmern lassen, indem Eltern ihre Kinder mit Spielzeug überschwemmen, das weder kindgerecht noch altersgerecht ist. Die meisten Eltern meinen irrtümlich, dass Spielzeug für Kinder nur dann interessant sei, wenn es grelle Farben hat, hampelt, quäkt, lärmt und bimmelt, also die Sinne extrem reizt. Das dürften dann aber Eltern sein, die selber gewohnt sind, im Fernsehen fortwährend starke Bilder und Sensationen zu erleben, und deshalb nur noch ein permanentes Trommelfeuer von Sinnesreizen als interessant empfinden.

Was da praktiziert wird, ist eine schleichende Verseuchung der Sinnesumwelt. Das IPSUM-Institut verfolgt u. a. das Anliegen, die Sinnes-Ökologie als eine eminent wichtige Aufgabe unserer Zeit herauszuarbeiten. Sie sollte genauso Thema sein, wie es die Natur-Ökologie seit 30 Jahren ist. Bei der Natur ist es mittlerweile allen klar, dass wir nicht so weiter machen können wie bisher, aber bei der Sinnes-Ökologie ist das noch nicht geschafft. Die „Sinnesverschmutzung“ wurde schon in den 80er Jahren von Forschern beschrieben und hat seitdem nachweislich immer mehr zugenommen. Die Medien haben daran einen riesigen Anteil. Wer Kinder heute gesund erziehen will, muss sich gegen den Mainstream stellen.

Zurück zur Ihrer Frage: Ein gutes Spielzeug drängt sich nicht auf, es lässt dem Kind die Freiheit, es gemäß seinem eigenen inneren Ziel zu benutzen. Dazu sollte es möglichst nicht auf eine einzige Anwendungsmöglichkeit festgelegt sein, sondern vielseitig verwendbar sein, denn nur so können sich die inneren seelischen Kräfte der Fantasie und Kreativität frei entfalten. Beobachtet man aber heutige Spielzeugmessen, dann geht der Trend genau in die entgegengesetzte Richtung: Auf immer krassere Weise, ja geradezu gewaltsam reißt das Spielzeug die Aufmerksamkeit des Kindes an sich, genauso wie es das Fernsehen tut, und wie bei einer Suchtspirale muss die Attacke mit der Zeit immer heftiger werden.

Ein wirklich freies Spielen hat die Besonderheit, dass es vollkommen zweckfrei ist, also keine Ziele verfolgt, die erreicht werden müssen. Dieses Spiel kommt ganz aus dem Kind selbst und entspricht daher immer genau seinem eigenen Entwicklungstand. Das Kind kann nur so spielen, wie es ist. Es verwirklicht im freien Spiel sich selbst in einem Maße wie sonst nie im Leben. Natürlich brauchen wir auch die Situationen, in denen das Kind vom Erwachsenengeführt wird, damit gewisse Sachen gelernt werden. Aber das freie Spiel ist eine Kostbarkeit, und die Erwachsenen sollten sich mit ihrem Verstandesdenken tunlichst nicht einmischen.

Ist es wichtig, dass Spieleug aus Naturmaterialien besteht und warum?

Im Kleinkindalter sollten die Sinne möglichst differenziert entwickelt werden, und dazu sind möglichst differenzierte Wahrnehmungs-möglichkeiten notwendig. Das ewige Einerlei des allgegenwärtigen Plastikmaterials ist für den Tast- und Geschmackssinn des Kindes eine einzige Enttäuschung. Spielzeuge aus Holz, aus Stoff, aus Wachs, aus Papier oder Pappe, aus Metall oder Glas bieten dagegen eine Fülle unterschiedlichster Sinneseindrücke, und auf diese Fülle kommt es an, wenn sich die sensorischen Fähigkeiten entwickeln sollen, auf die dann die kognitiven aufbauen. Naturmaterialien wie Steine, Tannenzapfen, Kastanien, Rindenstücke, Moos und Sand, Wasser und Holz sind als entwicklungsförderndes Spielzeug geradezu genial.

Welchen Einfluss haben Medien auf Kinder?

Das Leitmedium unserer Zeit ist der Bildschirm, beim Fernsehen, am Computer, am Handy, am Gameboy usw. Beim Fernsehen wird das Problem unmittelbar sichtbar: Es lähmt nicht nur die natürliche Abtast-Aktivität der Augen, es lähmt auch die Bewegungsaktivität des Kindes. Denn beim Kind gilt das Gesetz: Was die Augen tun, tut der ganze Körper. Werden die Augen starr, wird es auch der Leib. Kinder brauchen aber zu ihrer Entwicklung Bewegung und nochmals Bewegung. Wobei ich ergänzen möchte: leibliche Bewegung, seelische Bewegung, geistige Bewegung. Die müssen dem Kind möglich sein. Extensiver Medienkonsum ist insofern, um mit dem Hirnforscher Manfred Spitzer zu sprechen, Kindesmisshandlung.

Zuhause können Eltern einen geschützten Raum schaffen — doch früher oder später werden Kinder mit der Technik- oder Medienwelt konfrontiert. Sehen Sie Möglichkeiten, die Kinder darauf „vorzubereiten“?

Allerdings sehe ich die. Die beste Vorbereitung wird durch die intensive Begegnung des kleinen Kindes mit der nichtmedialen Wirklichkeit erreicht, also mit der handgreiflichen Realität, die zu tasten, zu sehen, zu riechen und zu schmecken ist. Hier kann sich das Kind mit allen seinen Sinnen und seinen motorischen Fähigkeiten Primärerfahrungen verschaffen, die durch nichts zu ersetzen sind. Echte Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz. Das erscheint heute noch paradox, wird aber z. B. durch die Hirnforschung vollauf bestätigt.

Freilich wird man nicht alles Mediale vom Kind fernhalten können. Fernhalten allein wäre auch noch keine Lösung. Wichtig ist vielmehr die Stärkung des Kindes in seiner natürlichen Aktivität. Wenn ein Kind genügend gute Pflege der Sinne und der eigenen Aktivität hatte, dann entwickelt es so etwas wie ein Immunsystem, so dass es das eine oder andere an problematischen Eindrücken verkraften kann, ohne Schaden zu nehmen. Wir müssen so viel wie möglich investieren in die Stärkung des Kindes, in die Stärkung der Sinne, in die Stärkung der motorischen Entwicklung, aber auch in die Stärkung der seelischen Kräfte, die die Grundlage sind für Lebenssicherheit, für Initiativkraft und Kreativität.

Welche Bedeutung hat die Fantasie in der Entwicklung eines Kindes?

Fantasie wird von den Erwachsenen oft falsch eingeschätzt als Ausdenken von abstrusen, komischen Sachen. Fantasie ist für das Kind das exakte innere Nachbilden von äußeren Eindrücken. Damit fängt Fantasie an. Das hat nichts zu tun mit fantastisch, ausgedacht, konstruiert. Eine wesentliche Brücke zur Fantasie ist die Sprache: Klang und Rhythmus der Wörter, der Laute, erzeugen im Kind ab etwa drei Jahren exakte innere Bilder, und diese Bilder stehen den äußeren Sinneseindrücken an Farbigkeit und Konkretheit nicht nach. Hier haben vor allem Märchen ihren Platz, weil sie wunderbar geeignet sind, die Fähigkeit zur Erzeugung innerer Bilder anzuregen.

In der sogenannten Imaginationsforschung wurde festgestellt: Wenn ein Kind diese Fähigkeit nicht entwickelt, dann hat es nachher ein Riesenproblem mit allem Gedanklichen. Es kann z. B. in der Geometrie keine inneren Bilder aktiv erzeugen, kann aber auch kaum wissenschaftlich denken. Denn da müssen Tatsachen, die nicht von sich aus zusammenhängen, innerlich aktiv in einen Zusammenhang gebracht werden, um Schlüsse ziehen zu können. Die NASA beschwerte sich schon vor Jahren, dass sie kaum geeigneten Nachwuchs fände, weil viele junge Leute unvermögend seien, sich Dinge vorzustellen, die es in der Realität noch nicht gibt. Das ist Fantasie: eine Kraft, die in späteren Jahren gebraucht wird für anspruchsvolle geistige Tätigkeiten. Sie setzt an der sinnlich-konkreten Welt an.

Brauchen Kinder von heute andere Spielsachen als vor 20-30 Jahren?

Eigentlich nicht. Sie brauchen heute nicht mehr Technik, sondern mehr Zuwendung. Daran mangelt es in erschreckender Weise. Der Technik begegnen Kinder im Alltag mehr als genug, das müssen wir nicht verstärken. Wer aber sein Kind vor dem Fernseher parkt und auch sonst kaum mit ihm spricht, entzieht ihm die Zuwendung, das kostbarste soziale Geschenk.

Können Kinder sich langweilen?

Das befürchten Erwachsene meist, aber zu unrecht. Mag sein, dass Kinder, die sich selbst überlassen sind, sich zunächst ein bisschen langweilen. Man sollte ihnen das ruhig zumuten. Denn spätestens nach 10 Minuten wissen sie gesunderweise aus jeder Situation ein Spiel zu machen. Ein Karton und ein paar Bretter können da genügen, um ein fantasievolles Drama zu inszenieren. Kinder jedoch, die gewohnt sind, stets von außen animiert zu werden durch ein technisches Gerät oder durch einen Erwachsenen, der sie von Programmpunkt zu Programmpunkt schleppt, quasi „Fernsehen Live“ mit ihnen macht — diese Kinder werden sich in der Tat langweilen, ja sogar unerträglich werden, weil sie auf Entzug gesetzt sind, wenn die Animation wegfällt. Man hat ihnen die Fähigkeit zum Spielen abtrainiert.


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