Im Gespräch mit
Frau Prof. Dr. Stefanie Greubel
Prof. Dr. Stefanie Greubel ist seit 2012 Professorin für Kindheitspädagogik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn.
Sie leitet den Studiengang Kindheitspädagogik und ist seit 2024 Mitglied des Rektorats.
In ihrer Arbeit setzt sie sich für einen wertschätzenden und partizipativen Blick auf Kinder und Kindheit ein. Ihr zentrales Anliegen ist es, Kinder stärker in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu rücken.
Welche Kriterien gibt es, die anzeigen, dass Kinder bereit sind für den Übergang vom Kindergarten in die Schule?
Die Frage, ob ein Kind bereit für den Übergang vom Kindergarten in die Schule ist, beschäftigt viele Eltern im letzten Kindergartenjahr: Ist mein Kind „schulreif“? Kann es schon genug? Müssen wir noch gezielt üben?
Klassische Ratgeberliteratur nennt hierzu verschiedene Kriterien, etwa die körperliche und sprachliche Entwicklung, kognitive Fähigkeiten, die Feinmotorik sowie emotionale und motivationale Voraussetzungen für das Lernen. Diese Aspekte werden auch im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen berücksichtigt und beunruhigen im Vorfeld viele Eltern.
In der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion zeigt sich jedoch zunehmend eine veränderte Perspektive: Statt ausschließlich zu fragen, ob das Kind bereit für die Schule ist, wird stärker betont, dass Kindergarten und Grundschule besser aufeinander abgestimmt sein sollten.Der Erwerb sogenannter „Schulkompetenzen“ wird dabei als langfristiger Prozess verstanden, der nicht mit dem ersten Schultag beginnt oder endet. Die zentrale Frage verschiebt sich somit von „Ist das Kind bereit für die Schule?“ hin zu „Ist die Schule bereit für das Kind?“.
Aus meiner Sicht sind vor allem folgende Kriterien bedeutsam: Freut sich das Kind auf die Schule? Ist es neugierig und wissbegierig? Zeigt es Interesse an Buchstaben und Zahlen? Fühlt es sich sicher in seiner Umwelt und geht es offen auf Entdeckungen zu? Kann es kleinere Aufgaben im Alltag, wie etwa den Tisch zu decken, selbstständig bewältigen?
Wichtig ist außerdem: Es besteht kein Grund zur Sorge, wenn ein Kind kurz vor den Sommerferien seinen Namen noch nicht schreiben kann. Ein „Tim“ hat hier naturgemäß andere Voraussetzungen als ein „Konstantin“. Kinder passen sich in der Regel schnell an neue Anforderungen an und erwerben die notwendigen Fähigkeiten im schulischen Alltag.
Haben sich diese Kriterien im Laufe der Zeit verändert? Wenn ja, in welcher Weise?
Die Kriterien für den Übergang vom Kindergarten in die Schule haben sich im Laufe der Zeit deutlich verändert. In den 1950er-Jahren etablierte sich der Begriff der „Schulreife“ als zentraler Marker für den Schuleintritt. Bis heute ist dieser Begriff eng mit dem Entwicklungsstand des Kindes verknüpft.
Entwicklungspsycholog:innen betrachten dieses Konzept jedoch kritisch, da der Reifebegriff nahelegt, dass Entwicklung vor allem inneren, quasi naturgegebenen Prozessen folgt. Die Verantwortung wird damit in erster Linie den Selbstbildungsprozessen des Kindes zugeschrieben. Inzwischen hat sich der wissenschaftliche Blick deutlich verschoben: Der Übergang in die Schule wird heute als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden, bei der verschiedene Akteur:innen Verantwortung tragen. Dieser Perspektivwechsel hängt auch mit einem veränderten Verständnis von Entwicklung und Kindheit zusammen. Kinder werden als aktive Akteur:innen gesehen, die im Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Sie sind nicht ausschließlich von inneren Reifungsprozessen abhängig, sondern können durch gezielte pädagogische Angebote unterstützt werden und setzen zugleich eigene Bildungsimpulse.
Wenn wir den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule als einen Entwicklungsprozess begreifen, der nicht nur vom Kind, sondern auch von seinen Bezugspersonen gestaltet wird, lösen wir uns zunehmend von einer starren Checkliste einzelner Kompetenzen. Stattdessen rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie gut die beteiligten Bildungsinstitutionen aufeinander abgestimmt sind und inwieweit sie in der Lage sind, Kinder mit ihren individuellen Voraussetzungen aufzunehmen und durch passende Strukturen zu unterstützen.
Welche Herausforderungen stellt dieser Übergang an die Kinder? Welche an Erzieher:innen, Lehrer:innen sowie an die Eltern?
Der Übergang vom Kindergarten in die Schule stellt für Kinder und ihre Eltern einen sogenannten Transitionsprozess dar. Das bedeutet, dass Veränderungen auf mehreren Ebenen gleichzeitig stattfinden: auf der persönlichen Ebene, der Beziehungsebene und der Umweltebene.
Auf der persönlichen Ebene erleben Kinder bereits im letzten Kindergartenjahr einen Statuswechsel. Als „Große“ übernehmen sie mehr Verantwortung, erhalten zusätzliche Aufgaben und Rechte und nehmen an besonderen Aktivitäten teil. Dadurch nehmen sie eine hervorgehobene Rolle im Gefüge des Kindergartens ein, die sich mit Eintritt in die Schule wieder umkehrt: Dort sind sie dann zunächst die „Kleinen“. Auch auf der Beziehungsebene und kontextuellen Ebene werden Veränderungen spürbar: Die Erwartungen an die Kinder steigen, und die Art der Kommunikation wandelt sich. Mit dem Schuleintritt erweitert sich zudem ihr soziales und räumliches Umfeld erheblich. Ein neuer Schulweg kommt hinzu, und der Lernort Schule muss mit seinen Räumen, Strukturen und sozialen Regeln erst kennengelernt werden. Diese Veränderungen erfordern von den Kindern ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit. Vertraute Abläufe und Gewohnheiten verändern sich, und das Neue kann zunächst verunsichern oder sogar beängstigend wirken.
Auch für Eltern ist dieser Übergang prägend. Mit dem Schuleintritt ihres Kindes verändert sich ihre eigene Rolle: Sie werden zu Eltern eines Schulkindes, erleben im schulischen Kontext oft weniger direkten Einfluss und müssen ihren Platz innerhalb der neuen Eltern- und Schulgemeinschaft finden. Mitunter verändert sich auch ihre berufliche Eingebundenheit und ihr Alltag erfordert sowohl bedingt durch die Schulzeiten als auch durch die anstehende Begleitung der Lernaufgaben ein neues Zeitmanagement. Häufig sind auch ihnen Abläufe, Regeln und das Schulumfeld noch unbekannt. Hinzu kommen Sorgen, etwa ob ihr Kind gut Anschluss findet und sich in der neuen Umgebung wohlfühlt.
Erzieher:innen und Lehrkräfte begleiten diesen Prozess professionell. Auch wenn sie Abschiede und Neuanfänge emotional miterleben, bleiben sie in ihrer jeweiligen Rolle stabil und durchlaufen selbst keinen vergleichbaren Übergang auf den beschriebenen Ebenen und können daher eine gute Stütze für die Transitionen der Kinder und Eltern sein.
Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ressourcen, die Kindern helfen können, Übergänge, etwa den Eintritt in den Schulalltag, gut zu bewältigen? Welche Haltung der Erwachsenen ist in solchen Zeiten besonders hilfreich?
Kinder brauchen vor allem Zuversicht und das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, neue Situationen bewältigen zu können. Idealerweise haben sie bereits erfahren, dass es sich lohnt, Dinge zu erkunden und zu hinterfragen, dass Misserfolge Teil des Lernprozesses sind und dass ihre Anstrengungen wertgeschätzt werden. Sie verfügen über ein gewachsenes Wissensnetz, das auf Spiel- und Experimentierfreude basiert, und haben verstanden, dass Regeln und Strukturen hilfreich sind, um gemeinsames Leben zu gestalten.
Eine zentrale Grundlage dafür ist ein wohlwollendes familiäres Klima, das Kinder ermutigt, Neues auszuprobieren und Herausforderungen selbstbewusst anzugehen. Eltern können dies unterstützen, indem sie selbst Zuversicht ausstrahlen und ihren Kindern Aufgaben zutrauen, die fordern, ohne zu überfordern. Solche Aufgaben können ganz unterschiedlich aussehen: Für das eine Kind ist es das eigenständige Bestellen einer Kugel Eis, für ein anderes das Vortragen eines Gedichts im Familienkreis. Wichtig ist dabei auch der konstruktive Umgang mit kleinen Misserfolgen. Wenn etwa die Verkäuferin ungeduldig reagiert oder die Eiskugel herunterfällt, sollten Eltern ihr Kind verständnisvoll begleiten und den Blick auf das lenken, was bereits gelungen ist. Auf diese Weise lernen Kinder, Rückschläge einzuordnen und als Teil des Lernens zu akzeptieren.
Darüber hinaus ist es hilfreich, wenn Eltern sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sind und Kinder an eigenen Herausforderungen teilhaben lassen. Ein Satz wie „Das ist mir gerade schwergefallen, vielleicht gelingt es mir beim nächsten Mal besser“ zeigt Kindern, dass auch Erwachsene mit Unsicherheiten umgehen müssen und daran wachsen können.
Gerade in der Übergangsphase zwischen Kindergarten und Schule ist es zudem wichtig, eigene Schulerfahrungen bewusst zu reflektieren und nicht ungefiltert weiterzugeben. Auch das soziale Umfeld spielt eine große Rolle: Gut gemeinte, aber verunsichernde Kommentare über Schule, Lehrkräfte oder den „Ernst des Lebens“ können Kinder belasten. Hier hilft es, Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen und Aussagen einzuordnen, ohne die Herausforderungen zu beschönigen.
Woran kann ich erkennen, ob ein Kind die neuen Impulse, die ein Übergang mit sich bringt, gut verarbeiten kann oder ob es in eine Überforderungssituation gerät?
In den ersten Wochen und Monaten nach dem Schuleintritt ist ein aufmerksamer und sensibler Blick auf das Kind besonders wichtig. Ein zentrales Zeichen für einen gelungenen Übergang ist, ob das Kind grundsätzlich gerne zur Schule geht: Freut es sich auf den Tag? Hat es neue Freund:innen gefunden? Erzählt es von positiven Erlebnissen?
Dabei gilt: Ein gelungener Übergang zeigt sich nicht in erster Linie daran, ob ein Kind den Leistungsanforderungen sofort gerecht wird, sondern vielmehr daran, ob es sozial gut angekommen ist und sich wohlfühlt.
Da nicht alle Kinder von sich aus ausführlich berichten, können gezielte Fragen helfen, ins Gespräch zu kommen. Fragen wie „Wann musstest du heute in der Schule lachen?“, „Was hast du in der Pause gemacht?“ oder „Wie hat deine Lehrerin oder dein Lehrer reagiert als du den Turnbeutel nicht dabei hattest?“ öffnen oft den Raum für persönliche Einblicke. Sie signalisieren dem Kind zugleich: Du bist mir wichtig, und ich interessiere mich für deinen Alltag.
Gleichzeitig sollten Eltern aufmerksam für mögliche Warnsignale sein. Zieht sich das Kind zunehmend zurück? Wirkt es morgens häufig unwohl oder klagt über Bauch- oder Kopfschmerzen? Vermeidet es Gespräche über die Schule oder äußert Zweifel an den eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen Kindern?
In solchen Fällen ist es wichtig, frühzeitig und einfühlsam zu reagieren. Gemeinsam mit dem Kind und im Austausch mit der Lehrkraft können dann mögliche Ursachen geklärt und unterstützende Lösungen gefunden werden.
Haben Sie den Eindruck, dass Kinder heute mehr Übergänge bewältigen müssen als früher?
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Lebenswelten von Kindern deutlich verändert – und damit auch die Anzahl und Vielfalt der Übergänge, die sie bewältigen müssen. Eine erhöhte berufliche Mobilität der Eltern sowie zunehmend flexible, oft von Veränderungen geprägte Lebensbiografien tragen ebenso dazu bei wie veränderte Betreuungs- und Bildungsarrangements.
Viele Kinder erleben heute bereits vor dem Eintritt in den Kindergarten erste Übergänge, etwa in die Tagespflege, eine Kinderkrippe oder auch durch Veränderungen im familiären Umfeld. Jeder dieser Übergänge erfordert, sich auf neue Bezugspersonen, Regeln und Strukturen einzustellen.
Gleichzeitig bieten solche Erfahrungen auch Chancen: Wenn Übergänge gut begleitet werden, stärken sie die Anpassungsfähigkeit und das Selbstvertrauen von Kindern. Auf diese Weise erwerben sie wichtige Kompetenzen, die ihnen helfen, auch zukünftige Veränderungen erfolgreich zu bewältigen.
Bestimmte Übergänge beziehungsweise Transitionsprozesse, wie Geburt, Eintritt in Kita und Schule, der Übergang in die Pubertät und ins Erwachsenenalter, die Geburt eines Geschwisterkindes oder auch der Verlust eines geliebten Menschen, sind im Bewusstsein bereits relativ präsent. Welche Übergänge brauchen Ihrer Meinung nach noch mehr Aufmerksamkeit und einen bewussteren Blick?
Die genannten Übergänge gehören zu den klassischen Entwicklungsaufgaben und werden in der Praxis idealerweise durch Rituale und pädagogische Konzepte gut begleitet. Es gibt aus meiner Sicht Übergänge, die bislang weniger Aufmerksamkeit erhalten, obwohl sie für Kinder und Jugendliche besonders herausfordernd sind.
Im (regel)schulischen Kontext betrifft dies vor allem die Wechsel in und aus der weiterführenden Schule. Diese Übergänge sind stark mit Leistungsanforderungen verknüpft und stehen häufig unter erheblichem Druck: Bereits die Leistungen der dritten Klasse beeinflussen die Schulformempfehlung, und später wird etwa das Abitur mit Blick auf den Numerus Clausus zu einer entscheidenden Hürde. Solche Übergänge sind oft mit einem hohen Stresslevel verbunden und verdienen daher eine intensivere pädagogische Begleitung.
Besonders wichtig sind mir die vielen kleinen Übergänge im Alltag, die leicht aus dem Blick geraten, obwohl sie für Kinder sehr fordernd sein können. Aktuelle Studien sprechen in diesem Zusammenhang von einer „fragmentierten Kindheit“: Der Alltag vieler Kinder ist durch zahlreiche Orts- und Rollenwechsel geprägt. Nach dem Unterricht wechseln sie beispielsweise in die offene Ganztagsschule oder den Hort, anschließend vielleicht, meist ohne Erholungsphasen, in einen Sportverein oder einen Musikkurs, bevor sie nach Hause zurückkehren. Jeder dieser Wechsel bringt neue Regeln, Erwartungen und Bezugspersonen mit sich. Kinder müssen sich immer wieder neu orientieren und anpassen, was eine erhebliche Leistung darstellt und mitunter als belastend erlebt wird.
Diese dauerhafte Anpassungsleistung wird gesellschaftlich kaum problematisiert, obwohl sie für Kinder hoch anstrengend ist. Gleichzeitig fehlt es häufig an Freiräumen für selbstbestimmtes Handeln und unverplante Zeit. Genau darin liegt jedoch eine zentrale Voraussetzung für gesunde Entwicklung.
Diese alltäglichen Übergänge verdienen daher mehr Aufmerksamkeit. Es braucht pädagogische Konzepte und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Kinder in diesen Prozessen entlasten und ihnen mehr Kontinuität, Orientierung und Freiräume ermöglichen. Übergänge sollten nicht nur bewältigt, sondern bewusst so gestaltet werden, dass sie Entwicklung ermöglichen, statt sie unter Druck zu setzen.
Wie lässt sich die viel zitierte Aussage Rudolf Steiners „Das Kind in Ehrfurcht empfangen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen“ im Kontext von Transitionsprozessen mit der aktuellen Forschung verbinden?
Steiners Aussage lässt sich gut mit Erkenntnissen der modernen Transitionsforschung verbinden, wenn man sie als grundlegende Haltung gegenüber Übergängen versteht. Kinder benötigen in Phasen des Wandels einerseits Schutz, Verlässlichkeit und Orientierung, andererseits aber auch feinfühlige Begleitung sowie die Möglichkeit, aktiv mitzuwirken und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Übergänge gelingen insbesondere dann, wenn Kinder emotional sicher eingebettet sind, Kontinuität und Wiedererkennung erleben und die neue Situation schrittweise mitgestalten können.
Aktuelle Forschung betont dabei vor allem drei zentrale Faktoren: stabile Beziehungen, Partizipation und die Passung zwischen Kind und Umwelt. Genau hier lassen sich Parallelen zu Steiners Formulierung erkennen.
Konkret auf Transitionsprozesse übertragen, lässt sich seine Aussage folgendermaßen übersetzen:
- „In Ehrfurcht empfangen“ bedeutet, Übergänge nicht zu beschleunigen oder zu standardisieren, sondern das Kind in seiner Individualität wahrzunehmen, seine bisherigen Erfahrungen zu würdigen und ihm Zeit für Orientierung zu geben.
- „In Liebe erziehen“ verweist auf die Bedeutung verlässlicher Beziehungen, emotionaler Unterstützung und feinfühliger Begleitung. Dazu gehören Rituale, Trost, Co-Regulation und das Vertrauen darauf, dass das Kind auch in herausfordernden Situationen getragen wird.
- „In Freiheit entlassen“ schließlich lässt sich als Aufforderung verstehen, Kinder zunehmend zu beteiligen, ihnen Entscheidungsspielräume zu eröffnen und ihnen schrittweise Verantwortung zuzutrauen – immer orientiert an ihrem jeweiligen Entwicklungsstand.
In diesem Sinne verbindet Steiners oft zitierter Satz eine pädagogische Grundhaltung, die auch heute als anschlussfähig gilt: Übergänge sind keine bloßen Anpassungsleistungen, sondern bedeutsame Entwicklungsprozesse. Sie gelingen dann besonders gut, wenn Kinder nicht nur begleitet, sondern in ihrer Eigenaktivität ernst genommen und gestärkt werden.
Was braucht es Ihrer Meinung nach in der Ausbildung von Erzieher:innen und Lehrer:innen sowie in der Beratung von Eltern, damit Übergänge im Leben von Kindern besser begleitet werden können?
Aus meiner Sicht braucht es in der Ausbildung von Pädagog:innen und Lehrer:innen ein ganzheitliches Bildungsverständnis, das Kopf, Herz und Hand verbindet. Ebenso wichtig ist ein gemeinsames Bild vom Kind, damit Übergänge für Kinder als kontinuierlich und anschlussfähig erlebt werden. Dazu sollten Ausbildungs- und Studiengänge stärker verzahnt und die verschiedenen Bildungsorte besser miteinander vernetzt werden.
Ein besonderer Fokus sollte zudem auf der professionellen Beratung von Eltern liegen. Übergänge verunsichern nicht nur Kinder, sondern oft auch ihre Familien. Pädagogische Fachkräfte benötigen daher konkrete Kompetenzen, um Eltern sicher und alltagsnah begleiten zu können.
Dazu gehört zum Beispiel:
- Eltern frühzeitig und transparent über anstehende Übergänge zu informieren und realistische Erwartungen zu vermitteln.
- Niedrigschwellige Gesprächsangebote zu schaffen, die Raum für Fragen, Unsicherheiten und auch Sorgen bieten.
- Eltern dabei zu unterstützen, die Signale ihres Kindes besser zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.
- Konkrete, alltagstaugliche Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, etwa zur Stärkung von Selbstständigkeit, zum Umgang mit Ängsten oder zur Gestaltung von Routinen.
- Eine ressourcenorientierte Haltung einzunehmen, die Eltern nicht belehrt, sondern sie in ihrer Kompetenz stärkt und als Expert:innen für ihr eigenes Kind ernst nimmt.
Zugleich ist es wichtig, Eltern für die Bedeutung ihrer eigenen Haltung zu sensibilisieren. Kinder orientieren sich stark an den Emotionen und Erwartungen ihrer Bezugspersonen. Wenn Eltern Zuversicht ausstrahlen, Herausforderungen einordnen können und ihrem Kind etwas zutrauen, wirkt sich das unmittelbar stabilisierend auf den Übergangsprozess aus. Von besonderer Bedeutung ist zudem das Bewusstsein für individuelle Bedürfnisse und Entwicklungsphasen:
Ein hilfreiches Bild aus der Forschung vergleicht den Übergang mit dem Überqueren eines Grabens: Manche Kinder brauchen eine steinerne Brücke um den Graben zu überqueren, anderen Kindern genügt ein Steg, wieder andere springen leichtfüßig mit einem Seil hinüber. Aufgabe der Erwachsenen ist es, gemeinsam mit den Eltern herauszufinden, welche Unterstützung ein Kind konkret benötigt – und diese passgenau bereitzustellen.
Dafür braucht es Zeit, Haltung und professionelle Gesprächskompetenz. Elternberatung sollte nicht als Zusatzaufgabe verstanden werden, sondern als zentraler Bestandteil pädagogischer Arbeit im Übergang.
Gibt es eine Frage zum Thema Übergänge, die Ihnen besonders am Herzen liegt, die Ihnen aber nur selten gestellt wird und die Sie gerne einmal beantworten würden?
Eine Frage, die mir besonders am Herzen liegt und die viel zu selten gestellt wird, lautet nicht: „Wie wird mein Kind fit für die Schule?“, sondern vielmehr: „Was braucht mein Kind, um sich wohl und sicher zu fühlen?“
Gerade vor dem Hintergrund alarmierender Zahlen zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen halte ich es für dringend notwendig, den Blick stärker auf das kindliche Wohlbefinden zu richten. Wir brauchen mehr Strategien, um Kinder insbesondere in krisenhaften Übergangsphasen emotional zu stärken und verlässlich zu begleiten.
Für mich steht dabei im Mittelpunkt, Kindern vorzuleben, dass Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ein zentraler Motor für Lernen und Entwicklung ist. Kinder, die sich sicher und geborgen fühlen, können neugierig, offen und mit Freude neue Erfahrungen machen. Sie trauen sich mehr zu und gehen auch mit Herausforderungen konstruktiver um.
Demgegenüber geraten Kinder, die früh und dauerhaft unter Leistungsdruck stehen, ohne emotionalen Halt schnell in Überforderung. Lernen wird dann nicht mehr als Chance, sondern als Belastung erlebt.
Deshalb sollten wir uns häufiger fragen: Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Kinder sich sicher fühlen, Vertrauen entwickeln und aus eigener Motivation heraus lernen wollen? Diese Perspektive ist aus meiner Sicht entscheidend für gelingende Übergänge – und für eine gesunde Entwicklung insgesamt.
Schriftliches Interview geführt von Daniela Wagner.
Die Alanus Hochschule
Die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn ist eine staatlich anerkannte Kunsthochschule. Sie bietet über 20 Bachelor- und Masterstudiengänge in Pädagogik, Kunst, Wirtschaft und Eurythmie an. Viele Studiengänge sind auch berufsbegleitend oder in Teilzeit möglich.
Weitere Informationen:www.alanus.edu
Zum Studiengang
Der Bachelor-Studiengang Kindheitspädagogik kann an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn in Vollzeit- und berufsbegleitend in Teilzeit studiert werden.
Weitere Informationen: www.alanus.edu/kindheitspaedagogik
Kontakt: kindheitspaedagogik@alanus.edu



